Zweites Leben, garantiert gut - Fair-a-Porter

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Decoration at the Vestiaire Collective HQ © Alex Bohn

Zweites Leben, garantiert gut

Braucht es das Original in der Mode, wenn es Fakes an jeder Ecke gibt? Unbedingt, findet Fanny Moizant, die mit dem Vestiaire Collective einen Marktplatz gegründet hat, auf dem echte Luxusgüter neue Besitzer finden

In der Abteilung Qualitätskontrolle des Vestiaire Collective, im 15. Arrondissement in Paris, stapeln sich in grauen Rollcontainern Handtaschen von Louis Vuitton, Chanel und Dior. Immer wieder lugt aus den Bergen ein orangefarbener Karton hervor, mit braun abgesetzten Kanten. Darin liegen gut geschützt die Taschen des französischen Familienunternehmens Hermès. Sie gelten als Inbegriff des Luxus. In dem gesichtslosen Großraumbüro, wo überquellende Kleiderständer den freien Blick verstellen und vornehmlich weibliche Angestellte vor schwarzen Lenovo-Computern sitzen, deren Bildschirme mit gelben Post-its gespickt sind, die in der Zugluft der Standventilatoren wippen, sehen die Luxustaschen allerdings eher aus, als wären sie im Schnäppchenparadies gestrandet.

Second Life für Luxusgüter

Aber der Eindruck täuscht. Auf der Plattform Vestiaire Collective verkaufen Privatpersonen vornehmlich Luxusgüter und schenken ihnen ein zweites Leben. Designertaschen, Designerkleider, Designerschuhe, ja sogar Designer-Kopfhörer und Designer-Barbies. Fast 2000 neue Produkte gehen jeden Tag online. Von dem Heer der knapp 150 Festangestellten in Paris (insgesamt arbeiten 170 festangestellte Mitarbeiter für das Unternehmen, die verbleibenden verteilen sich auf die Firmensitze in London, Berlin und New York) werden die Waren erst anhand einer Kurzbeschreibung des Verkäufers mit Text und Foto auf Echtheit geprüft. Kommt ein Kauf zustande, so wird die Ware erneut geprüft. Das Vestiaire Collective ist ein Zwischenhändler, der Provision dafür kassiert, dass nur lupenreine Originale den Besitzer wechseln.

Geheimwissen gehört zum Standard

Geheimwissen gehört in der Abteilung für Authentizitätsprüfung und Qualitäts-Kontrolle zum Standard. Eine Französin mit braunen Locken und Kindergesicht, die sich gerade über eine Louis Vuitton-Tasche beugt, weiß genau, wie viele Nadelstiche eine Hermès-Tasche säumen müssen, damit sie echt ist, oder welche Seriennummern Chanel 1985 verwendete. (Andere nämlich, als beispielsweise im Jahr 2000). Preisgeben darf sie diese Geheimnisse nicht, denn sie sind der letzte Schutz gegen die Produktpiraten, die mit immer präziser gefertigten Billig-Fakes, die Existenz der Originale gefährden. Bei „Wer wird Millionär“ ist dieses Wissen nichts wert, bei Vestiaire hingegen Gold.

Originalität ist ein hoher Wert

„Wir wollen die Idee des Originals zu schützen“, sagt Fanny Moizant, eine der sechs Gründerinnen des Vestiaire Collectives, „denn bei einer Hermès-Tasche wie zum Beispiel der Birkin-Bag, geht es um mehr als eine schöne Tasche. Es geht um die Menschen, die wissen, wie man diese Tasche herstellt. In Handarbeit, mit Techniken, die sie über Jahrhunderte entwickelt und verfeinert haben. Nur sie besitzen das Wissen und haben es in all den Jahren beschützt und gewahrt. Originalität bedeutet mir viel – genau wie die Leute, die dafür sorgen, dass es sie gibt.“ Aus ihrem Mund klingt das eindrücklich und glaubhaft. Die Pariserin Fanny Moizant ist direkt und unverstellt: Sie benutzt Kraftausdrücke, um ihre Meinung über Billigmode zu äußern, sie will kein eigenes Büro, sondern sitzt im Großraum zwischen ihren Angestellten und sie gibt freimütig zu, dass es nicht immer einfach ist, zwischen dem Hauptquartier in Paris und ihrem Wohnsitz in London hin- und herzureisen und dabei genug Zeit für ihre zwei kleinen Töchter zu haben.

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Driving from the HQ © Alex Bohn

 
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The Logo © Alex Bohn

Form for Quality Control at Vestiaire Collective © Alex Bohn

Form for Quality Control at Vestiaire Collective © Alex Bohn

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Luxury Bags entering Quality Control © Alex Bohn

Was ist mit den Billigkopien von Zara?

Wie passt aber ihr hohes Lied des Originals damit zusammen, dass auf Vestiaire auch Kleidung des Inditex-Textil-Giganten Zara verkauft wird, einem Unternehmen, das Inbegriff der Fast Fashion ist und für seine zweifelhaften ökologischen und sozialen Produktionsbedingungen in den vergangenen Jahren immer wieder in der Kritik stand? Fanny Moizant zuckt mit den Schultern und erklärt, dass das Vestiaire Collective eben ein Unternehmen im Hier und Jetzt sei, das seinen Fokus momentan darauf setze, Kunden die Möglichkeit zu geben, exklusive Stücke zu finden. „Vielleicht“, sagt sie, „ muss man erst Fast Fashion shoppen, um dann den Wert eines Originals würdigen zu können.“

Für jede Ware gilt: Lebe je länger, je lieber

Auch wenn das Vestiaire Collective unter den 3000 Marken, die auf der Seite angeboten werden viele versammelt, die konventionell produziert werden, ohne Rücksicht auf Umwelt- und Sozialstandards und auch solche, die wie Zara als Fast Fashion gelten, so ist ein Kauf bei Vestiaire nachhaltiger als ein Neukauf. Schließlich verlängert sich mit jedem Kauf eines bereits gebrauchten Guts seine Lebenszeit. Neu ist der Gedanke nicht, das räumt auch Fanny Moizant ein, schließlich funktioniert jeder Secondhand-Laden und jede Plattform für Wiederverkäufe so.

Eine Community von Expertinnen

Doch es scheint, als pflegten die 3,8 Millionen Mitglieder aus 47 Ländern, die das Vestiaire Collective aktuell zählt, ein besonderes Verhältnis zum Original. Viele von ihnen sind vom Wert des Originals so überzeugt, das ihr Wissen darüber, wie sich ein Original vom Fake unterscheidet, fast so groß ist wie das der Damen in der Authentizitäts-Prüfung. Und es treffen ganz unterschiedliche Menschen auf einander. Über den Verlauf und die Qualität der Steppnähte auf einem Chanel-Schuh fachsimpeln sowohl gestandene Damen über 60, die ihr Leben damit verbringen Luxusgüter zu sammeln, wie auch 16-jährige Schülerinnen, die eben erst damit anfangen, ihren ganz persönlichen Stil zu kultivieren.

Zeig mir Deinen Schrank und ich kaufe ihn leer

Originalität hat nach der Idee des Vestiare Collectives nicht nur mit exzellenter Qualität zu tun, sondern auch mit Glaubwürdigkeit. Idealerweise sind nicht nur die Produkte echt, die auf Vestiaire den Besitzer wechseln, sondern auch die Mitglieder selbst. Statt vorformatierter Katalogware shoppt man auf Vestiaire bei echten Menschen, mit echtem Stil und das auf intime Art und Weise: Man schaut direkt in ihren Kleiderschrank. „Das ist so als wenn man auf der Straße ein gut angezogenes Mädchen sieht und denkt ‚Ah, ich mag ihren Stil, dieses Kleid möchte ich auch haben’“, sagt Fanny Moizant. Um diesen Eindruck zu ermöglichen, erstellen die Mitglieder eigene Profile, die sie in ihrer typischen Kleidung zeigen und veröffentlichen selbstgeschossene Bilder der Produkte, die sie verkaufen. Außerdem vervollständigen sie ihr persönliches Profil durch Wunschlisten und Lieblingsprodukte und scharen nicht selten eine Micro-Community um sich, die ihre Stilvorlieben teilt.

Wer einmal ein Original besitzt, will keine Fakes mehr

Zu den Produkten der konventionellen Modeindustrie bietet das Vestiaire Collective eine Alternative in zweierlei Hinsicht: Es steigert die Langlebigkeit teurer Luxusgüter, die bei ihren neuen Besitzern ein zweites Leben beginnen. Das ist nachhaltig und schont Ressourcen. Und in den Geschmack von Produkten mit ausgezeichneter handwerklicher Qualität kommen durch den günstigeren Preis, den das Vestiaire Collective bietet, auch Käufer, die sich bislang mit schnöden Kopien begnügen mussten. Das steigert das Bewusstsein für gute Qualität und stärkt den Wert des Originals und seiner Schöpfer.

 

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