Vom Leder ziehen - Fair-a-Porter

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A leather look by Gucci © Indigital

Vom Leder ziehen

Leder als Produkt in der Mode stößt bei manchen auf Kritik. Zu Unrecht findet Tanita Hecking.

Das macht man nicht, ich weiß. Fremden Gesprächen lauschen, gilt nicht als feine Art. Ich sitze im The Bowl Restaurant auf der Warschauer Straße in Berlin-Friedrichshain und genieße mein veganes, gluten- und zuckerfreies Lemon-Quinoa mit frittierten Süßkartoffeln, Sesam-Tamari-Spinat, raw Apfel-Karotten-Salat und Avocado-Slices und lausche der Unterhaltung am Nachbartisch über „die armen Tiere“. Ich bin keine Veganerin und werde es wahrscheinlich nie werden, genieße ab und an Spaghetti Bolognese und führe eine imaginäre Strichliste bis Weihnachten. Dann gibt es wie jedes Jahr Wildfleisch mit selbstgemachten Semmel-Speck-Knödeln, Apfel-Rotkohl und einer Preiselbeerbirne. Dennoch verfalle auch ich der Verlockung, die aktuellen Ernährungshypes auf Herz und Nieren zu prüfen. Am veganen Trend führt dabei kein Weg vorbei – ich hab’s versucht! Und genau jener schleicht sich seit Langem in die Modeszene, wo mir meine Echtlederjacke nun peinlich ist. „Lederprodukte sind schlecht, Tiere mussten dafür sterben“, danke PETA für mein schlechtes Gewissen.

Pro oder contra Leder – es gibt genug Gründe für beide Seiten

Natürlich verfolgt die Tierschutzorganisation eine gute Mission, aber die Verwendung von Tierhäuten verurteilt sie pauschal. Veganer und Vegetarier gehen zum Teil noch einen Schritt weiter, jede Verwendung tierischer Produkte lehnen sie ab, Leder eingeschlossen. Aus ihrer Perspektive haben Sie recht: Im Land von Eisbein und Schweinebraten sterben Tiere, weil wir sie essen.

Ich bin trotzdem für eine Verwendung von Tierhäuten. Schließlich sind sie ein Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie. Es wäre schlicht Verschwendung, sie wegzuwerfen. Natürlich sind die Bedingungen unter denen die Tiere gehalten werden maßgeblich, um sich für die Verwendung von Tierhäuten aussprechen zu können. Und ja, da ist auch in Deutschland noch Luft nach oben. Richtig guten Gewissens kann man nur solche Tierhäute verarbeiten oder als Endkonsument tragen, die von Tieren stammen die aus zertifiziert artgerechter Haltung stammen. Und wer mal versucht hat, im Laden nachzufragen, ob der Ledermantel oder die Lederjacke von glücklichen Rindern oder Schafen stammt, der weiß, dass es mit dieser Art Transparenz selbst in Deutschland nicht weit her ist.

Gefährliches Halbwissen – verdirbt die Gerbung mit Chromsalzen den Spaß am Leder?

Bis eine Tierhaut zu einem Modeprodukt verarbeitet werden kann, durchläuft sie circa 25 Schritte. Die Gerbung ist nur einer von vielen Aspekten, aber er steht in der Kritik. Der Gerber veredelt die rohe Haut je nach späterem Zweck mithilfe unterschiedlicher Verfahren. So eignet sich für Schuhinnensohlen beispielsweise nur die pflanzliche Gerbung, bei Bekleidung eher eine Chromgerbung. Wer jetzt denkt: „Chromgerbung ist schlecht, das weiß doch jeder“, irrt sich. Zumindest laut Dr. Thomas Ströer, dem Geschäftsführer der Deutschen Lederindustrie, ist die Chromgerbung „ökologisch eine der vorteilhaftesten Verfahren.“ Nun denn, man könnte dem man eine gewisse Voreingenommenheit bescheinigen. Wirklich schädlich für Mensch und Umwelt ist erwiesenermaßen das Chrom-VI. In der  Lederproduktion verwenden Gerber ausschließlich Chrom-III-Salz, das ein Nebenprodukt der Stahlerzeugung ist. Das Chromgerbverfahren ermöglicht eine Herstellung von Lederprodukten in den modischen Farben der Saison und macht das Endprodukt besonders robust und dennoch atmungsaktiv. Eine Randnotiz zum Gerbungsprozess: Abfallprodukte gibt es hier nicht, denn selbst Abfälle die beim Schneiden der Häute anfallen, dienen später der Bio-Gas Erzeugung.

Es gibt Alternativen zur chemischen Gerbung

Wer dennoch pflanzlich gegerbtes Leder bevorzugt, findet beim Label Deepmello Alternativen. Die Pflanzenanalytikerin Anne-Christin Bansleben hat 2010 ein rein pflanzliches Gerbverfahren entwickelt, das Chromsalze mithilfe der Rhabarberwurzel überflüssig macht. Sie produziert Lederbekleidung und Accessoires und vertreibt das Rhabarberleder an umweltbewusste Designer wie Anne Gorke und Esther Perbandt.

Um eine verantwortungsvolle Produktion innerhalb der Lederindustrie sicher zu stellen, hat der Verbund der Deutschen Lederindustrie erst kürzlich das ECO2L Label für Energy Controlled Leather ins Leben gerufen – das Erste seiner Art weltweit, Thumbs Up! Es ermittelt den Energieverbrauch, den Umgang mit Chemikalien, die Abwasserentsorgung und den CO2-Ausstoß in jedem Arbeitsschritt einer Gerberei. Doch so gut sich die Bedingungen in Deutschland auch anhören, selbst Dr. Thomas Ströer äußert Bedenken: „Bei der stetig wachsenden Weltbevölkerung haben wir nicht genug Rohmaterial, um für jeden Lederprodukte zu fertigen. Es ist gut, dass es Alternativen gibt. Schließlich züchten wir in Deutschland keine Tiere nur für die Lederproduktion.“

Sind Lederersatzstoffe die Lösung?

Unproblematisch sind die Lederersatzstoffe nicht. Denn viele bestehen aus synthetischen Stoffen wie Polyamid oder Polyester, die auf Erdölbasis entstehen. Erdöl ist bekanntlich einer der wichtigsten Faktoren für die globale Erderwärmung, dank Ölunfällen sterben Meerestiere und Vögel und werden Ozeane auf hunderte von Jahren verunreinigt. Wer dann noch sagt “Hauptsache wir bringen keine Tiere um”, macht es sich ein bisschen zu einfach. Zum Glück gibt es Marken, die mit gutem Beispiel voran gehen, wie beispielsweise das kanadische Taschenlabel Matt & Nat, das seine Produkte ausschließlich aus recycelten PET-Flaschen fertigt. Die Flaschen werden erst geschmolzen und gepresst, zu Fasern geformt und dann zu neuem Gewebe verarbeitet. Doch selbst diese Produkte sind nicht nur besser als eine Tierhaut –  atmungsaktiv sind sie beispielsweise nicht. Glücklicherweise zeigen sich dort jedoch auch Entwicklungen, die sich an Technologien der Sportbekleidungsindustrie bereichern.

Billig? Will ich NICHT!

Wenn es um traditionelle Lederprodukte geht, müssen wir weg von dem Gedanken, dass sie billig sein können. Das geht schlichtweg nicht. Was billig ist, kann nur unter grober Missachtung ethischer Maßstäbe produziert werden. Dort wo Menschen ohne Arbeitsschutz mit Gerbstoffen arbeiten, unzulässige Chemikalien Verwendung finden und Abwasser ungefiltert in die Meere und Flüsse gelangen, ist eine Veränderung notwendig! Das gilt nicht nur für Lederprodukte, sondern auch für „vegane Leder“ (Chapeau an den Erfinder dieses Begriffs). Dass es Alternativen zu Lederprodukten gibt, ist gut. Aber Rohstoffe zu verschwenden, ist Schwachsinn. Es liegt an uns, den Konsumenten, für hochwertige und umweltschonend-produzierte Waren etwas tiefer in die Tasche zu greifen, denn die Zustände unter denen die 99-Euro Zara Lederjacke produziert ist, ist unhaltbar!

Ich bin pro-Leder, wenn die Produktion stimmt

Doch solange es Vorzeigebeispiele gibt, und Zertifikate wie das des Internationalen Verbands für Naturtextilien kaufe und unterstütze ich Lederprodukte. Solange sich dafür eingesetzt wird, die Bedingungen der Lederproduktion – das schließt die Haltung der Tiere mit ein – zu verbessern, kaufe und unterstütze ich Lederprodukte und verstehe jeden Aus-Prinzip-Verfechter-von-Lederprodukten nicht. Auch wenn der vegane Ernährungstrend momentan viele in den Bann zieht, der Verzehr tierischer Lebensmittel ist Bestandteil unserer Kultur. Falls sich der vegane Lebensstil am Ende doch nur als kurzlebiger Trend herausstellt, frage ich mich, wie weit es mit der Kritik an der Verwendung von Leder dann noch her ist. Genauer hinsehen, statt pauschal zu verurteilen und mehr Transparenz einfordern von Modemarken und Produzenten – das halte ich für vielversprechender!

Text. Tanita Hecking

 

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