Gut vernetzt: Das Berliner Label Cho'jac - Fair-a-Porter

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The brand offers products made using traditional Mayan handicraft © maidjemeergans

Gut vernetzt: Das Berliner Label Cho’jac

Die Netzbeutel von Cho’jac sind zeitlos schön. Wie sie eine alte Handwerkstechnik der Maya schützen liest du hier im Interview.

Auf den ersten Blick sehen die Taschen des Berliner Labels Cho’jac aus wie eine moderne Interpretation des klassischen Netzbeutels, der in den 70er Jahren populär war und als Einkaufstasche diente. Aber die Geschichte dieser Taschen, die als Rucksack getragen werden können, reicht weiter zurück. Thomas Kilian Bruderer, der die Marke gegründet hat setzt auf eine uralte Handarbeitstechnik der Maya. Er achtet auf eine nachhaltige Produktion und nutzt unkonventionelle Methoden – so werden die Beutel der Rucksäcke beispielsweise mit Ruß und Spinnenweben gefärbt. Thomas Kilian Bruderer wuchs in St. Gallen in der Schweiz auf, und schaute von klein auf den dort ansässigen Haute Couture-Herstellern (die für die großen Namen in Paris fertigen) auf die Finger. Ihn selbst zog es für ein Textildesignstudium an die Kunsthochschule Weißensee in Berlin und hier gründete er auch sein Label. Im Interview erzählt Thomas Kilian Bruderer (TKB) über seine junge Marke Cho’jac, seine Leidenschaft für alte Techniken und sein Verständnis von Luxus.

FAP: Zuallererst: Wie spricht man den Namen Deines Labels aus und was bedeutet der überhaupt?

TKB: Das Wort Cho’jac („tscho-chac“ ausgesprochen) stammt aus dem Maya-Dialekt Tzeltal und bedeutet Netz. Damit beschreiben die indigenen Völker im südlichen Hochgebirge Mexikos die Netzbeutel, die ich adaptiert mit meinem Label anbiete. Auf meiner Website gibt es übrigens eine Sprachprobe.

Schwarze Cho’jac als Rucksack © Cho’jac

Nicht gefärbter Rucksack © maidjemeergans

Schwarzes Cho’jac als Umhängestasche © Cho’jac

FAP: Die Netzbeutel hast du zu tragbaren Rucksäcken umfunktioniert. Wie bist Du auf die Idee gekommen?

TKB: Entdeckt habe ich sie bei einem Besuch im Ethnologischen Museum der Universität Zürich. Dort lagen die Cho’jacs aus und ich kaufte mir im Museums Shop eins. Im Anschluss kontaktierte ich die Ethnologin, Rosmarie Pazella, die die Netze für das Museum einkaufte, um mehr darüber zu erfahren. Für meinen Eigenbedarf passte ich den Beutel an, ergänzte die Schulterriemen und den Querriemen für mehr Stabilität. So entstand zunächst mein Masterprojekt und nun ein kleines Label.

Ursprünglich dienen die Cho’jacs dem Transport schwerer Lasten © Thomas Kilian Bruderer

FAP: Wofür verwenden die Maya die Netze ursprünglich?

TKB: Sie nutzen die Cho’jacs für den Transport schwerer Lasten wie Holz oder Maiskolben. Sie tragen den Beutel an einem Lederband um die Stirn und verteilen die Last so am gesündesten über den Körper – das würde hierzulande natürlich niemand tun.

FAP: Und was macht das Netz so belastbar?

TKB: Die komplexe Maschentechnik macht das Cho’jac einzigartig. Die Technik heißt „einfaches Einhängen“. Dabei wird jede einzelne Masche einzeln eingehangen, das Netz sieht aus wie ein Maschendrahtzaun. Sie benutzen Sisal für die Herstellung, was eine sehr robuste Faser ist – das kennt man sonst von Teppichen, Kratzbäumen oder Seilen. Die Kombination von beidem führt dazu, dass man das Cho’jac schwer beladen kann, es sich auseinanderdehnt aber hinterher auch wieder vollständig zusammenzieht. 

FAP: Wie genau stellen die Bauern solch ein Netz denn her?

TKB: Die Produktion ist wahnsinnig langwierig. Zuerst ernten die Bauern die Agavenblätter und klopfen sie. Anschließend schaben sie das Fruchtfleisch ab, klopfen es so lange weiter, bis die Fasern heraustreten, waschen und trocknen die Fasern und drehen sie auf dem Knie per Hand zu einem Faden. Drei Fäden werden zu einem Zwirn. Und erst dann kann das Einhängen der Maschen anfangen. Für ein Netz alleine benötigt ein Bauer vier bis sechs Wochen.

FAP: Gibt es keine Maschinen, die den Prozess beschleunigen könnten?

TKB: Nein, für Maschendrahtzäune gibt es welche, da man die starren Drähte ineinanderschieben kann. Bei den Netzen sind pro Reihe Maschen drei Arbeitsschritte nötig, die nur per Hand getätigt werden können.

FAP: Wie sieht es mit Handwerkstechniken in Mexiko generell aus?

TKB: Sticken und Weben ist noch ein übliches Textilhandwerk aber eine Menge wird bereits verdrängt. Die Straßenverkäuferinnen haben inzwischen viele Produkte aus China, die sehen optisch zwar so ähnlich aus wie Mexikanische, bestehen allerdings aus synthetischen Stoffen.

Maschendrahtzaun ähnliche Struktur © Cho’jac

Hochwertige Details © Cho’jac

 

 

FAP: Und wie sieht es explizit mit der Technik der Cho’jacs aus?

TKB: Die Produzenten sind einfache Bauern, die die Netzbeutel neben der Bestellung ihres Feldes fertigen. Ein bis zwei Mal im Monat kommen sie aus ihren Bergdörfern und verkaufen Cho’jacs in den größeren Städten. Viele schätzen die aufwändige Arbeit dahinter jedoch nicht und drücken den Preis. Außerdem gibt es Ersatz aus Acryl. Die Fäden sind dabei allerdings geklebt. Entsteht im Netz ein Loch, ist es wirklich hinüber.

FAP: Das passiert mit den traditionell hergestellten Cho’jacs nicht?

TKB: Wenn da ein Loch entsteht, kann man die Maschen wieder verknüpfen und die Reihen lösen sich nicht nacheinander auf. Das Loch bleibt lokal, dank der aufwändigen Technik.

Das Fruchtfleisch wird entfernt © Thomas Kilian Bruderer

Das Agavenblatt in der Verarbeitung © Thomas Kilian Bruderer

Die Faser wird zum Faden gedreht © Thomas Kilian Bruderer

FAP: Wenn eine solch traditionsreiche Handwerkskunst nach und nach verdrängt wird, ist das eine kulturelle Schande. Wie kann man sie erhalten?

TKB: Jede Handwerkskunst hat eine lange Geschichte und Tradition, die bewahrt werden sollte. Ich möchte der Kultur etwas zurückgeben, an der ich mich bediene, deshalb bin ich mit einer NGO und einem Kulturzentrum in Mexiko im Gespräch und möchte frei zugängliche Kurse anbieten, um die Technik zur Herstellung der Cho’jacs weiter zu vermitteln. Traditionell geben Generationen sie nur mündlich weiter. Den Kurs würde einer meiner Produzenten leiten.

FAP: Siehst du Dein Label Cho’jac dann eher als Hilfsprojekt anstatt eines Accessoire-Labels?

TKB: Für mich vereint es beides. Ich möchte damit nicht viel Geld auf Kosten anderer verdienen, sondern etwas zurück zu geben. Mir ist der Erhalt der Jahrtausende alten Technik wichtig. Das Cho’jac soll auch kein Massenprodukt werden, denn das könnten die Menschen vor Ort nicht verarbeiten. Es würde eine Blase entstehen und ich möchte nicht, dass die Bauern in Mexiko davon abhängig werden.

FAP: Auf deiner Website beschreibst Du das Cho’jac als Luxusobjekt, dessen Wert sich nicht durch seltene Materialen oder sozialen Prestige zeigt. Wie kann ein Gegenstand noch zu einem Luxusobjekt werden?

TKB: Die Produktion ist sehr aufwändig und das Slow Design macht es zu etwas ganz besonderem. Heute, wo Zeit so kostbar ist, ist der Herstellungsprozess ein ganz anderer Ansatz zur schnellen maschinellen Fertigung. Dieser Zeitaspekt macht das Cho’jac meiner Meinung nach zu einem Luxusobjekt. Entfernt könnte man es vielleicht mit einer Hermès-Tasche und der aufwändigen Produktion vergleichen, die zahlreiche Schritte benötigt und nur per Hand gefertigt werden kann. Darin zeigt sich der wahre Luxus.

Sisal macht die Cho’jacs besonders strapazierfähig © Thomas Kilian Bruderer

FAP: Nicht nur das Slow Design, die Handwerkstechnik und das Sisal als Material machen das Cho’jac zu einer nachhaltigen Alternative. Welche Aspekte berücksichtigst Du noch?

TKB: Ich kenne alle Produzenten persönlich und zeige auch den Kunden auf dem Etikett transparent, aus welchen Stoffen und wo das Cho’jac gefertigt ist. Das bedeutet konkret: Das Leinen stammt aus Europa und eine deutsche Weberei fertigt es. Das Leder stammt von deutschen Rindern und wird in Süddeutschland pflanzlich gegerbt, das Baumwollinnenfutter ist Oeko-Tex zertifiziert. Außerdem arbeiten wir mir mit einer Werkstatt für Behinderungen zusammen, wo die Innenfutter in die Netze genäht werden. Ich schraube anschließend die Einzelteile zusammen. Die Kopfnieten können herausgeschraubt werden, sodass man das Netz mit verschiedenen Lederriemen verwenden kann – als Rucksack als auch als Umhängetasche. Das Cho’jac ist so auch vollständig recycelbar.

 

Für mehr Infos, schaut auf der Cho’jac Website oder dem Instagram-Account vorbei.

Interview: Tanita Hecking

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